Meine Damen und Herren,
lieber Bernd Milla, sehr geehrte Katja Brinkmann,
es gibt Kunstwerke, die an einer Wand hängen.
Und es gibt Kunstwerke, die sich dem Stillstand verweigern.
Die drei Flaggen von Katja Brinkmann, die wir heute hier einweihen, gehören genau dazu.
Schauen wir dazu eingangs direkt auf den Titel des Projekts: „drip“. Das bedeutet im Englischen erst einmal ganz pragmatisch „Tropfen“ – und verweist charmant darauf, dass die Tuschearbeiten, die als Vorlage dienten, teilweise noch nass waren, als die Künstlerin sie fotografierte. Gleichzeitig schwingt im heutigen Sprachgebrauch aber auch das Jugendwort „drip“ mit, das für einen extrem coolen, stylischen Auftritt steht. Und mal ehrlich: Beide Bedeutungen fangen die Stimmung dieser Installation perfekt ein!
Denn diese Arbeiten sind nicht einfach grafische Entwürfe für den Außenraum.
Sie entstehen unmittelbar aus Brinkmanns Malerei heraus.
Die Flaggen sind gewissermaßen Malerei in Bewegung — vergrößert, in den Raum übertragen und dem Wind übergeben.
Als konkrete Vorlage dienten hierbei drei Tuschearbeiten, die von Brinkmann digitalisiert und digital eingefärbt und anschließend neu zusammengesetzt wurden – drei Motive für drei Flaggen. Dabei erleben wir ein spannendes Zusammenspiel von Mikro und Makro: Details aus feinen, kleinformatigen Tuschezeichnungen wachsen zu monumentalen, raumgreifenden Flaggen heran. Man kann dieses Spiel mit den Dimensionen als eine wunderbare, großzügige Geste verstehen, die den Blick öffnet.
Und genau darin liegt etwas sehr Besonderes.
Katja Brinkmann beschäftigt sich seit vielen Jahren mit grundlegenden Fragen der Malerei: mit Farbe und Form, mit Fläche und Raum, mit Überlagerung, Wahrnehmung und Irritation. Ihre Arbeiten sind abstrakt — und zugleich niemals kühl oder rein formal. Sie besitzen eine starke körperliche und räumliche Präsenz.
Katja Brinkmann beschreibt diese künstlerische Auseinandersetzung als ein „kalkuliertes, aber ebenso lustvolles Ausloten“ der Mittel der Malerei. Es geht ihr um das spannungsvolle Verhältnis von Fläche und Bildraum, von Figur und Grund, von Abstraktion und Gegenständlichkeit.
Mit Arbeiten im Außenraum wie dem heutigen Flaggenprojekt „drip“ geht sie konsequent einen Schritt weiter: Sie löst den klassischen, rein frontalen Blick auf ein Gemälde vollends auf. Es entsteht ein begehbares Raumbild. Ergänzend zu ihren realen Wandbildern oder Teppichen nutzt sie in ihrer Praxis oft auch digitale Bildmontagen, um Malerei im urbanen Raum zu kontextualisieren. Hier im Garten wird dieser Dialog mit der Umgebung nun ganz real, analog und unmittelbar erfahrbar.
Wie so oft in ihrem Schaffen reagiert Katja Brinkmann auch hier ganz unmittelbar auf den spezifischen Kontext der Umgebung – das zeigt sich insbesondere in der sensiblen Auswahl der Farben, die auf diesen Ort abgestimmt sind und mit ihm korrespondieren.
Wer Brinkmanns Bilder betrachtet, erlebt etwas Merkwürdiges und zugleich Faszinierendes: Formen scheinen sich zu überschneiden, Räume öffnen sich und lösen sich wieder auf, Vordergrund und Hintergrund geraten in Bewegung. Man glaubt, Tiefe zu erkennen — und im nächsten Moment wird diese räumliche Wirkung wieder gebrochen.
Nichts bleibt eindeutig.
Gerade dieses Spiel mit Wahrnehmung ist ein Kern ihres Werkes.
Katja Brinkmann selbst spricht von einer „kalkulierten Irritation“.
Und vielleicht beschreibt das ihre Kunst sehr treffend:
Sie fordert unseren Blick heraus — aber nicht aggressiv, sondern neugierig machend. Ihre Arbeiten laden dazu ein, länger hinzusehen, die eigene Wahrnehmung zu überprüfen und sich auf Ambivalenzen einzulassen.
Das gilt auch — und vielleicht sogar besonders — für das heutige Flaggenprojekt „drip“.
Denn hier geschieht etwas Spannendes:
Die Malerei verlässt die Leinwand.
Die Farbe wird sichtbar im Außenraum.
Die Komposition wird beweglich.
Und das Bild verändert sich mit jeder Windbewegung, mit jedem Wetterwechsel, mit jedem Standort der Betrachtenden.
Natürlich besitzen die Flaggen eine klassische Schauseite. Doch Brinkmann war es ein zentrales Anliegen, das Projekt so zu konzipieren, dass die fließenden Übergänge und visuellen Überschneidungen bei allen drei Flaggen auch bei völlig wechselnden Winden aus jeder Blickrichtung harmonieren und funktionieren.
Die Flagge wird dadurch nicht bloß Träger eines Bildes — sie wird selbst Teil des künstlerischen Prozesses.
Das passt sehr gut zu Brinkmanns Werk insgesamt. Denn ihre Arbeiten bewegen sich seit Jahren nicht nur auf Leinwänden, sondern auch im Raum: in Wandbildern, Teppichen, architekturbezogenen Installationen und Kunst-am-Bau-Projekten. Immer wieder untersucht sie dabei, wie Malerei Räume verändern kann — und wie Räume wiederum unsere Wahrnehmung von Malerei verändern.
Dieser geschärfte Sinn für den Raum und das lebendige Spiel der Farben speist sich gewiss auch aus einer außergewöhnlichen Konstante in ihrem Leben: Katja Brinkmann lebt und arbeitet im Wechsel zwischen zwei Welten – in Berlin und in Ulaanbaatar, der Hauptstadt der Mongolei.
Seit 2013 reist sie regelmäßig dorthin, unterrichtete über mehrere Jahre hinweg an der dortigen Kunsthochschule und wurde 2021 zur Ehrenprofessorin der Staatlichen Mongolischen Hochschule für Kunst und Kultur ernannt. Die intensive Begegnung mit der unendlichen mongolischen Steppe, dem dortigen Licht, den extremen Farben und Strukturen prägt ihr neueres Schaffen tiefgreifend. Diese dort erlebte raumgreifende Weite und atmosphärische Dynamik schwingt nun spürbar auch im Wind dieser Flaggen mit, wenn sie sich hier im Garten entfalten.
Gerade hier, im Garten der Kunststiftung Baden-Württemberg, entfalten die Flaggen deshalb eine besondere Wirkung.
Sie markieren keinen Besitzanspruch und keine Grenze.
Sie stehen nicht für nationale Identität oder politische Macht.
Sie stehen für Offenheit, Bewegung und Wahrnehmung. Das kann Kunst.
Und vielleicht ist das heute wichtiger denn je.
In einer Zeit, in der vieles auf schnelle Eindeutigkeit reduziert wird, erinnert uns diese Kunst daran, dass Komplexität kein Problem ist, sondern eine Qualität. Dass Wahrnehmung etwas Lebendiges ist. Und dass Kunst Räume schaffen kann, in denen wir anders sehen lernen.
Hinzu kommt: Für die Kunststiftung Baden-Württemberg ist dieses Projekt auch in anderer Hinsicht besonders schön.
Denn Katja Brinkmann verbindet mit dieser Stiftung eine längere Geschichte. Bereits im Jahr 2000 erhielt sie ein Arbeitsstipendium der Kunststiftung Baden-Württemberg. Doch ihre Verbindung zu Stuttgart reicht noch viel weiter zurück und bildet das eigentliche Fundament ihrer Karriere: Von 1986 bis 1993 studierte Katja Brinkmann an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart. Dass sie nun mit diesem Projekt hierher zurückkehrt, schließt somit einen Kreis. Es ist nicht nur die Rückkehr zu einer fördernden Institution, sondern auch eine Rückkehr zu den Wurzeln ihrer akademischen Ausbildung.
Es zeigt, wie wichtig langfristige Förderung für künstlerische Entwicklungen sein kann — und wie aus Förderung über Jahre hinweg sichtbare, öffentliche Kunst entsteht.
Liebe Frau Brinkmann,
mit „drip“ schenken Sie diesem Ort nicht nur drei eindrucksvolle Arbeiten.
Sie schenken ihm Bewegung, Farbe und eine neue Form von Aufmerksamkeit.
Dafür danke ich Ihnen sehr herzlich.
Mein Dank gilt ebenso allen Beteiligten der Kunststiftung Baden-Württemberg sowie allen, die dieses Projekt ermöglicht haben.
Und nun wünsche ich uns allen viele inspirierende Blicke und viele neue Perspektiven im Wind dieser Arbeiten.
Vielen Dank.
(Hendrik Bündge, Staatsgalerie Stuttgart)
